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»Doctor Sleeps Erwachen« und »The Shining«

40 Jahre später: Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen und The Shining

»Die Axt der Nacht fällt in das morsche Licht«
aus: Von einem Land, einem Fluß und den Seen
Ingeborg Bachmann (1956-1967)

Es ist fast unmöglich einen Film zu drehen, der an Kubricks Meisterwerk The Shining(1980) heranreichen kann. Das hängt mit dem einmaligen Status des Regisseurs in der Phase seines Schaffens zusammen. Es sind daher nicht einfach künstlerische Gründe, sondern vor allem produktionstechnische, die einen Vergleich ausschließen. Kein normaler Regisseur bekommt das Geld ein Jahrlang an einem Film zu drehen und kein Regisseur kann sich die Zeit nehmen vorher jahrelang über das Drehbuch so zu meditieren und sich wissenschaftlich beraten zu lassen, wie Kubrick es getan hat. Hier Vergleiche anzustellen ist zumindest unfair. Und dennoch vergleichen wir: Kubricks Film war ein Kammerspiel, wenige Figuren auf großen Raum, die Darstellung einer dysfunktionalen Familie. Er löste sich in vielen Fragen von Kings Vorlage, übernahm nicht dessen Klischees und sein christliches Gedankengut. Kurzum Kubrick konnte abstrahieren, stilisieren und kondensieren. Er schuf eine Allegorie, wenn nicht sogar die Allegorie auf den modernen Horrorfilm. Auf all dies wird man in Mike Flanagan „Sequel“ von The Shining(1977), wie Stephen King seinen Roman Doctor. Sleep(2013) selbst bezeichnet hat, leider verzichten müssen. Schon der Roman ist der schwächere, weil er jene Einheit von Ort und Zeit, jene Reinheit eines verlassenen Hotels nicht kennt. Auch, die dysfunktionale Familienstruktur, ein häufiger Ursprungsort von kindlichen Traumata, kommt hier kaum vor. Vielmehr geht es in Kings Nachfolge-Roman um eine Sekte bösartiger Zombie-Vampire, die auf der Suchen nach Menschen sind, die das Shining haben, weil diese die beste Nahrungsquelle für sie darstellen. Das ist nicht besonders originell, aber vertritt ganz anständig die gängigen Konventionen des Genres. Rose, die Anführerin dieser Horde Untoter ist dann die erotische Verführerin schlechthin, das morbide vermischt sich bei ihr mit dem lasziven, so wie wir es aus den billigen Groschenheften kennen und all dieser Unsinn landete dann auch 1:1 umgesetzt im Film.

Interessant ist die Geschichte dennoch immer dann, wenn wir erfahren, was aus dem kleinen Danny Torrance geworden ist. Der wird zuerst zum Alkoholiker und tritt dann den anonymen Alkoholikern bei. Er unternimmt den Weg einer Läuterung, die seinem Vater Jack einst versagt geblieben ist. Erneut soll ein kleiner Junge ermordet werden, doch im Unterschied zum ersten Roman, gelingt nun dieses perfide Unternehmen. Rose und ihre Horde quälen das Kind und saugen seine Lebensatem ein. Stand bei Kubrick stets die Frage im Vordergrund, gibt es den Spuk überhaupt, sehen wir hier dauernd die Geister, die wie sadistische Menschen agieren in voller Aktion. Das Makabrere ist plakativ in Szene gesetzt, so wie man es eben aus vielen schlechten Filmen kennt.  

Und auch aus dem klassischen, antiken Vater Sohn Drama ist nun ein Sohn und noch mehr Tochter-Böse Frau Drama geworden. Schon King legt Wert darauf, dass die böse Heldin Rose sich einige Eigenschaften mit Danny Torrance teilt, so dass die Figuren sich spiegeln. Das Unheimliche liegt demnach auch in den Verwischungen, die durch diese Spiegelungen zustande kommen. Das ist ein alter Trick aus dem Zauberhut des Horrorfilms: Rose und Danny erweisen sich beiden als Trostfiguren, für Menschen oder Untote, die gerade dabei sind zu sterben.

Ganz auf der Höhe ist der Film aber immer dann, wenn es um Täterrolle des ehemals von seinem Vater traumatisierten Sohnes geht. Am Ende nimmt Danny die Streitaxt von Jack Torrance sogar selbst in die Hand und richtete sie zuerst gegen die Feindin, aber dann auch, nachdem er selbst zum Untoten geworden ist, gegen das Mädchen Abra, das er beschützen will. Wie schon Jack Torrance ist nicht er es, sondern die Macht des Bösen, die ihn okkupiert hat, und ihn zur bösen Tat zwingt.

Der Film könnte so gerade am Schluss doch noch zu einer interessanten Hommage an Kubricks Vorgänger geraten, weil er viele Bilder daraus adaptiert. Aber was sollen alle diese Variationen, Umschreibungen und Überschreibungen? Es ist schon Unsinn und wirkt blass, geklonte Schauspieler einzusetzen, um die drei Hauptfiguren aus dem Vorgängerfilm nachzustellen. Stephen King konnte seine Doctor Sleepnicht im Overlook-Hotel enden lassen, weil dies in seinem Roman The Shining(1977) am Ende abgebrannt war. Mike Flanagan entschied sich daher im Alleingang dafür, seinen Showdown in eben diesem Hotel stattfinden zu lassen. Kubrick hatte sich standhaft geweigert in seiner Verfilmung das Hotel abbrennen zu lassen, weil er fand, das sei ein zu konventionelles Horror-Motiv (der Ort des Bösen wird zerstört, die Geschichte ist aus). Und hier zeigt sich eben Flangans fehlende Loyalität gegenüber seinem Vorbild, oder zumindest seine finanzielle Abhängigkeit von Warner: Denn in seinem Film muss das Overlook Hotel nun auch am Ende abbrennen, das ging nicht anders. Kubricks abgelehntes Ende von Stephen Kings Roman The Shiningwurde damit zum Finale diese Sequels. Flangan holte demnach nach, was Kubrick zuvor ausgeschlossen hatte und so scheint es insgesamt zu sein. Die Neuinterpretation enthält aus der Faszination für Ihren Vorgänger und außerdem dem NEIN! Zum Alkohol keinen Mehrwert. Sie wirft kein innovatives Licht auf den alten Film, sondern erzählt etwas ganz anderes. Am Ende sehen wir noch einige Weihnachtsbilder, die an Eyes Wide Shut(1999) angelehnt sind und der Film ist aus. Das kann kein würdiger Nachfolger sein, weil eben eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Kubricks Film ausgeblieben ist, eher handelt es sich um ein Gimmick für die Fans.

Aber zu pedantisch darf man das nicht sehen. Kubricks spannende Überlegungen zur Telepathie geraten hier zu schönen Fantasy-Hexen-Ausflügen, die eben ihre ganz eigenen Harry-Potter-Reize haben. Und die Besetzung ist großartig, die vielen Zitate machen Spaß und wecken Erinnerungen. Psychoanalytisch betrachtet hat die Umformung vom klassischen ödipalen Sohn-Mord zur bösen Überweltmutter etwas Beruhigendes, denn so destruktiv wie die Männer, können die Frauen einfach nicht sein. Wer allerdings nochmals einen Ausflug ins Overlook-Hotel unternehmen will, ist gezwungen sich das Original anzusehen. Aber etwas anderes war auch gar nicht zu erwarten.

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Yvonne Frenzel Ganz, Markus Fäh (Hg.)
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Sofia Coppola
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Sofia Coppolas filmischer Stil und die Emotionalität ihrer Figuren sind unverwechselbar. Mit großem Detailreichtum und sicherem Gespür für die Objekte und die Ausgestaltung von Räumen kreiert die Regisseurin, der 2004 mit Lost in Translation der Durchbruch gelingt, Zwischenwelten, die von Sehnsucht und Imagination durchtränkt sind. Die eigenwillige und subtile Art der Charaktere, die u.a. in Hotelzimmern, Palästen, Familiensystemen oder Mädchenpensionaten feststecken und einen Ausweg aus diesen geschlossenen Systemen suchen, und ihr Geschlechterrollenverständnis stehen im Fokus der Untersuchungen. [ mehr ]

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Timo Storck, Andreas Hamburger, Karin Nitzschmann, Gerhard Schneider, Peter Bär (Hg.)
François Ozon
Täuschung und subjektive Wahrheit. Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie Band 15
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Täuschung und Wahrheit, Wirklichkeit und Fiktion, biologisches Geschlecht und Gender – das sind die zentralen Fragen der Conditio humana, die François Ozon in seinen Filmen aus verschiedenen Perspektiven thematisiert. Ozon gehört zu den interessantesten und produktivsten Regisseuren der Gegenwart. Kaum ein anderer versteht es, die verschiedensten Charaktere, Plots und Themen so brillant auf die Leinwand zu bringen. Für sein Drama Jung & Schön (2013) und den Erotikthriller Der andere Liebhaber (2017) wurde er bei den Filmfestspielen von Cannes für die Goldene Palme nominiert. [ mehr ]

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