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Prof. em., Dr. med. Francisco Palacio-Espasa
Francisco Palacio-Espasa ist Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an de...

Titel von
Prof. em., Dr. med. Francisco Palacio-Espasa
im Psychosozial-Verlag




1. Gerisch, Benigna
Suizidalität


2. Figdor, Helmuth
Patient Scheidungsfamilie


3. Junkers, Gabriele (Hg.)
Die leere Couch


4. Figdor, Helmuth
Kinder aus geschiedenen Ehen: Zwischen Trauma und Hoffnung


5. Lawson, Christine Ann
Borderline-Mütter und ihre Kinder


6. Tiedemann, Jens L.
Scham


7. Küchenhoff, Joachim
Psychose


8. Sohni, Hans
Geschwisterdynamik


9. Payk, Theo R.
Burnout


10. Adler, Dieter
Der Antrag auf psychodynamische Psychotherapie



Rezensionen über: 3-89806-256-2

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Rezension von: Heike Viko
Titel: Borderline-Mütter und ihre Kinder

Erschienen in: Sozialpsychiatrische Info 1-2008

Zusammenfassung
Trotz diverser Mängel ist es dennoch ein (nichtwissenschaftliches) Buch, das seine Berechtigung hat; deutlich ist auch zu spüren, dass die Autorin Verständnis sowohl für die Borderline-Mütter als auch deren Kinder hat


Vollständige Rezension
Zur Borderline-Problematik wurde seit Otto Kernberg (»Borderline-Störungen und pathologischer Narzissmus«, 1978 in deutscher Sprache) und anschließend Christa Rohde-Dachser (»Das Borderline-Syndrom«, 1979) zunehmend auch in Deutschland mehr und schneller publiziert, sodass der am Thema interessierte Leser stellenweise den Eindruck bekommt, es handele sich um eine Art zeitgeistgemäßes Modethema. Hinzu kommt, dass oft nicht klar ist, wovon eigentlich die Rede ist: Geht es um die Borderline-Struktur im Sinne einer Neurosenstruktur oder einer Borderline-Persönlichkeitsstörung im Sinne der ICD 10- oder DSM-Kategorisierung? Man muss als Leser wissen, was man sucht, und kann auswählen zwischen Fachbüchern, Therapiemanualen, Selbsthilfebüchern, Erfahrungsberichten und Betroffenenlektüre sowie Büchern, die – unterschiedlich gehaltvoll – in der Abteilung Rat und Lebenshilfe stehen und von praktizierenden Psychotherapeuten geschrieben wurden.

Was erwartet uns beim vorliegenden Buch, im Oktober 2006 in deutscher Erstausgabe (aus dem Amerikanischen übersetzt von Irmela Köstin) im Psychosozial-Verlag, »edition psychosozial«, erschienen? Der Titel macht erst einmal neugierig, ebenso die passende düstere äußere Gestaltung (»The Poem of Soul: Nightmare«, 1854, Louis Janmot). Der Leser fühlt sich an eine psychiatrische Einrichtung des 19. Jahrhunderts erinnert, an Wahnsinn, Verzweiflung und das »Dunkel im Innern« der Borderline-Mütter.

Die Autorin Christine Ann Lawson ist klinische Sozialarbeiterin in eigener Praxis in Indianapolis und arbeitet mit den erwachsenen Kindern, die mit einer Borderline-Mutter aufwachsen mussten. Aus den retrospektiven Beschreibungen dessen, wie die Kinder ihre Mütter wahrgenommen haben, entstanden vier Charakterprofile mit je einem emotional vorherrschenden Gefühlszustand, welche die Autorin dem Leser unter verschiedenen Aspekten näherbringt: die Borderline-Mutter vom Typus des »verwahrlosten Kindes«, die »Einsiedlerin«, die »Königin« und die »Hexe«. Vorangestellt sind jedem Kapitel als Motto ein Abschnitt aus »Alice im Wunderland« bzw. »Alice im Spiegel«, später kommen mehr oder weniger passende Einleitungen aus Grimmschen Märchen hinzu.

Christine Ann Lawson beschreibt eindrücklich zunächst allgemein diese »Als-ob-Mütter« mit den Empfindungen ihrer Kinder, das heißt, mit deren angstvollen Erwartungen, aus Erfahrung gespeistem Misstrauen, mit Chaos, Scham, Wut, Schuld, mit dem, was die Kinder erleiden, die trotz allem ihre Mütter lieben.

Die Erklärungen zur Entstehung der Borderline-Persönlichkeitsstörung klingen manchmal etwas dürftig. Da haben z.T. ganz einfach »Therapeuten herausgefunden« (S. 48), welche Erfahrungen Borderline-Patienten selbst als Kind machen mussten, was die Entwicklung dieses Störungsbildes begünstigte. Zum Martyrium zählen hier die ungenügende emotionale Unterstützung bei Tod und Scheidung, Missbrauch, emotionale Vernachlässigung und ständige Herabwürdigung sowie die Stellung als das »nur böse« Kind einer Borderline-Mutter. Herangezogen wird auch die »Fehlfunktion des Geistes« der Borderlinerin, verglichen mit einer Verkehrsampel, die bei Rot oder Grün stehen geblieben ist (S. 54). Das erscheint mitunter als eine etwas zu einfache Marschroute.

Auf den folgenden 80 Seiten werden die Borderline-Mütter der jeweiligen Unterkategorien vorgestellt, wie sie sich aus den Beschreibungen der Kinder darstellen, jede lebhaft geschildert in ihrem Erscheinungsbild, mit ihren Merkmalen, ihrem vorherrschenden emotionalen Zustand, der inneren Erfahrung und dem Lebensmotto, alles untermalt mit vielen Beispielen aus Literatur und Praxis. Da begegnet dem Leser zuerst die Borderline-Mutter vom Typ des »verwahrlosten Kindes«, deren dominantes Gefühl das der Hilflosigkeit ist, ausgehend von der Erfahrung, immer das Opfer zu sein. Das Motto, was an das Kind weitergegeben wird, lautet, dass das Leben zu schwer ist – die depressive Schwere kann man geradezu spüren. In gleicher thematischer Reihenfolge geht es weiter mit den Typisierungen, die man auch als speziellen Verarbeitungsmodus der Borderline-Störung (hinsichtlich des Strukturdefizits) verstehen kann. Es folgen »Einsiedlerin« (erinnert an schizoide Bewältigung), »Königin« (narzisstische, hysterische Bewältigungsform) und die »Hexe« (anal-sadistisch). Der Typus der »Hexe« gipfelt in der »Medea«, die ihre Kinder letztlich tötet. Eine Chance für die Kinder der beschriebenen Borderline-Mütter sieht die Autorin in den »Märchen-Vätern«. Das verwundert zunächst, der Leser bemerkt aber bald, dass hier nicht das Rettungsmärchen gemeint ist. Es handelt sich lediglich darum, dass die Bezeichnungen und Beschreibungen der Vaterfiguren der Märchenwelt entlehnt sind. Schließlich kann man sich als Leser auch nichts anderes vorstellen: Frauen mit einer Borderline-Störung, deren eindrückliches Merkmal die Stabilität in der Instabilität ist, Frustrationsintoleranz, Störung der Impulskontrolle, unterhalten auch Beziehungen zu chaotischen Männern, die gemeinsam mit ihnen im schlimmsten Fall eine Folie a deux bilden und somit wenig zur Unterstützung ihrer Kinder beitragen können. Sie haben eher mit sich selbst zu tun. Der »Frosch« zum Beispiel, mit dem sich oft die Mutter vom Typ des »verwahrlosten Kindes« zusammentut, ist der klassische Underdog: emotional eingeschränkt, betäubt er häufig seine Gefühle mit Alkohol oder Drogen und leidet ebenfalls oft an einer Borderline-Störung. Und – wie erwartet – verwandelt er sich eben nicht in einen Prinzen. Ebenso die anderen Väter: Der demütige »Jäger« verleugnet das irrationale Verhalten seiner »Einsiedlerin«, der »König« zieht sich in seine Gemäuer zurück und überlässt seine Kinder der hochmütigen »Königin« und der »Fischer« hat sich selbst hilflos im Netz der »Hexe« verfangen. Sie alle lassen ihre Kinder emotional im Stich und brauchen selbst erst eine Therapie, um intervenieren zu können. Sie versagen deshalb, weil sie selbst ihre schmerzhaften Erinnerungen an eigene Verletzungen in ihrer Kindheit verdrängen mussten.

Es folgen Strategien, wie die betroffenen erwachsenen Kinder mit der Borderline-Mutter zurechtkommen können, ohne weiter Schaden zu nehmen. Der Behandlungsansatz der Autorin gründet sich auf der »Dialektischen Verhaltenstherapie« nach Linehan und enthält zum Umgang mit jedem Mutter-Typ speziell abgestimmte Ratschläge, die angesichts der Schwere des Themas zuweilen wie therapeutische Floskeln und Binsenweisheiten anmuten. Eine Borderline-Mutter zu lieben bedeutet – so die Autorin – dieser die Verantwortung für ihr Leben und ihren Tod zurückzugeben. Gleichwohl klingt es insgesamt eher so, als ob das erwachsene Kind – in anderem Gewand – die Last der Verantwortung nicht wirklich loswird. Da lautet zur Klage des erwachsenen Kindes: »Immer ist etwas los« die Antwort: »Für die chronischen Krisen ist nicht das Kind verantwortlich«. Als ob Erwachsene das nicht wüssten, wenn das demgemäße Handeln nur so einfach wäre! Oder: »Sie vergisst mich einfach.« Dazugehörender Ratschlag: »Erklären Sie ihr, dass emotionale Bestätigung für Sie wichtig ist.« Inwieweit bleibt denn da die Erwachsene weiterhin in der Kindrolle, inwieweit wird eine Sehnsucht bestärkt, die sich eben nicht erfüllen lässt, wenn man eine Mutter wie die der Beschriebenen hat? Sollte man da nicht irgendwann realitätsgeprüft dahinterkommen, dass man von einer Borderline-Mutter eben nur begrenzt oder manchmal gar nichts dergleichen erwarten kann? Und seine Bedürfnisse dort unterbringen, wo sie beantwortet werden? Mancher Leser einschließlich der Rezensentin wird sich fragen, ob Ratschläge überhaupt nicht eher kontraproduktiv sind, weil die Adressaten feststellen müssen, dass diese nicht eben leicht bzw. ohne eigene Therapie vielleicht auch gar nicht umzusetzen sind. Und da die »Kinder« aufgrund ihrer Entwicklungsbedingungen anfällig sind für Insuffizienzgefühle jeglicher Ausprägung, könnte hier auch etwas nach hinten losgehen. Das wären aber Überlegungen zu einer Kritik am Linehanschen Behandlungsansatz, um den es hier ja nicht vordergründig geht.

Schwierig gestaltet sich letztlich auch das Lesen an sich, da die Autorin wiederholt dasselbe beschreibt, mitunter jede einfache Aussage untermalt mit langatmigen und manchmal weit hergeholten Beispielen aus der Literatur (Prinzessin Diana, Sylvia Plath, Mary Todd Lincoln u.a.) oder aus ihrer Behandlungspraxis – man weiß manchmal gar nicht, ob es um die Kinder, die Mütter oder um Allgemeines geht. Auch das Vokabular ist stellenweise etwas befremdlich, wenn von z.B. von »anormal« die Rede ist, von »geistiger Erkrankung« oder etwas schwülstig vom »heiligen Band des Vertrauens«, vom »segensreichen Geschenk der Mutterschaft« oder davon, dass »jede Mutter einen dunklen Ort in ihrem Herzen« trägt. Das ist dann eher Geschmackssache und vielleicht das Amerikanische an dem Buch. Schließlich ist man doch eher erleichtert, die Lektüre beenden zu können.

Trotz diverser Mängel ist es dennoch ein (nichtwissenschaftliches) Buch, das seine Berechtigung hat; deutlich ist auch zu spüren, dass die Autorin Verständnis sowohl für die Borderline-Mütter als auch deren Kinder hat. Der eine oder andere Leser bzw. Leserin sollte vor der Lektüre bedenken, dass er oder sie sich möglicherweise ganz plötzlich einer detailgetreuen Beschreibung seiner eigenen Erfahrungen gegenübersieht. Insofern muss vorher eingeschätzt werden, inwieweit er oder sie sich was in welcher Situation zumuten möchte, um nicht von den dazugehörigen Gefühlen eingeholt oder gar überwältigt zu werden. Das fühlt sich dann vielleicht nicht so gut an. Unter diesem Aspekt sollte auch mit der Weiterempfehlung verantwortlich umgegangen werden.





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